Andacht zum 21. April2018: Blaulicht (sieht anders aus, wenn du betroffen bist)

Guten Morgen
Alle paar Tage liest man davon, dass es wieder Ärger gab, weil einer auf der Autobahn die Rettungsgasse blockiert hat oder Sanitäter bei ihrer Arbeit behindert wurden. Anscheinend lernen es manche Leute irgendwie nie.
Vielleicht, weil sich manche Zyniker einfach nicht in die Lage des Verunglückten versetzen können.
Über lange Zeit hat Blaulicht und Sirenengeheul bei mir vor allem Neugierde geweckt. Aber ein Bild von dem, was das vielleicht gerade passiert ist, wollte ich – oder konnte ich – mir nicht wirklich machen.
Bis der Tag kam, an dem der Rettungswagen zu uns unterwegs war. Weil unsere Tochter regungslos auf den Armen der Mama lag. Kaum mehr atmete.
Ich vergesse nie, wie das war, als nach endlosen Minuten mit Warten und Beten endlich das Auto mit Tatütata vor unserem Haus ankam – Rettung war da, und alles wurde wieder gut.
Seitdem lässt mich kein Blaulicht kalt. Und ich bin dankbar für die Leute, die da unterwegs sind. Und ich werde ganz schnell Platz machen, damit sie schnell zu denen kommen können, die auf sie warten.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Andacht zum 14. April 2018: Kompasse

Auf meinem Schreibtisch liegen momentan 16 Kompasse. Für eine Aktion mit unseren Konfirmanden habe ich die besorgt. Nacheinander jeden einzeln ausgepackt und dann einfach so auf die Tischplatte gelegt. Kreuz und quer. Ich sehe dabei: Sobald der Kompass ruhig auf dem Tisch liegt, pendelt sich die Nadel langsam in Nord-Süd-Richtung ein. Bei jedem einzelnen. Der eine schneller, der andere ist etwas träger. Am Ende zeigen sie alle in die gleiche Richtung. Ausgerichtet an dem unsichtbaren Magnetfeld, das unseren Planeten durchzieht.
Wenn man sich das vorstellt: Die feine sanfte Kraft dieses Magnetfeldes – sie durchzieht alles, was auf dieser Erde existiert. Sie ist da, ohne dass wir Menschen sie sehen oder spüren können. Und doch bewirkt sie so viel: Tiere orientieren sich nach diesen Magnetfeld. Und inzwischen, weiß man auch, dass dieses Feld uns vor tödlicher Strahlung aus dem Weltraum schützt.
Wer weiß, was noch so alles unseren Kosmos durchzieht – ohne dass es dafür Messgeräte oder Sinneszellen gibt. Welche Kraft uns Orientierung gibt und vielleicht auch so eine Schutzfunktion entfaltet – ohne dass wir davon eine Ahnung haben.
Und wenn ich von “Gott” rede – überlege ich mir, ob er mit dem Magneteld besser zu vergleichen wäre, als mit einem alten Mann auf einer Wolke.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Andacht zum 7. April 2018: Chameleon Mask

“Chameleon mask” so heißt eine Technologie, die ein japanisches Unternehmen gerade entwickelt. Das ist so verrückt, dass man es kaum glauben kann. Der Gedanke: Ich lasse mich für Besprechungen, zu denen ich nicht extra anreisen will, von jemanden vertreten, der vor seiner Nase einen Bildschirm hat, auf dem mein Gesicht zu sehen ist. Ich bin daheim am Computer, und erst wenn es ernst wird, und die Verhandlungen beginnen, schalte ich mich dazu, dann hört mein Partner meine Stimme und sieht mein Gesicht. So ähnlich wie eine Video-Konferenz, nur dass da eben jemand echtes sitzt – mit meinem Gesicht vor dem Gesicht. Sozusagen ein Bildschirm mit Beinen.
Verrückt oder? Wie soll ich mit jemandem reden, der sich nicht die Zeit nimmt, persönlich vorbeizuschauen? Der meint mir reicht ein Bildschirm! Er will ernst genommen werden, aber nimmt er mich wirklich ernst.
Und das ist nicht allein eine Frage des Bildschirms – sondern der inneren Haltung: Wenn ich mit jemanden spreche, will ich, dass er ganz da ist, genau hinhört – genauso wie ich das dann auch ganz da bin, nicht nebenher auf dem Handy spiele – oder im Gedanken schon beim nächsten Termin.
So manches Missverständnis gäbe es wohl nicht – wenn wir bei miteinander Reden auch wirklich zuhören würden.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Andacht zum 3. April 2018: Laura lebt

Guten Morgen,
kürzlich habe ich Laura kennengelernt. Ein ganz aufgewecktes Kindergartenkind. Eine echte Qasselstrippe, die halt alles ganz genau wissen will. Erst nach einiger Zeit fiel mir auf, dass sie sich mit dem Laufen etwas schwer tat. Und dann entdecke ich, dass ihre süßen roten Stiefelchen nicht ohne Grund einen etwas höheren Schaft haben – der soll dafür sorgen, dass Lauras Beine einen besseren Halt in den Schuhen haben.
Und dann höre ich ihre Geschichte: Was der Arzt den Eltern damals im ersten Schwangerschaftsdrittel mit ernstem Gesichtsausdruck eröffnet hat: Da stimmt etwas nicht, da ist eine Fehlbildung an der Wirbelsäule – das Baby wird mit einer Behinderung zur Welt kommen. Kann gut sein, dass sie im Rollstuhl sitzen wird und ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen sein wird. Wollen sie das? Man könnte die Schwangerschaft jetzt noch abbrechen. Und die Eltern haben lange überlegt, und das war schwer für sie. Aber sie haben sich für Laura entschieden. Damit auch für die Probleme, die sie erwarten, für eventuelle Operationen, für die mitleidigen Blicke der anderen.
Sie hatten den Mut – und er wurde belohnt: mit dieser wunderbaren kleinen Tochter – die eigentlich fast alles kann.
Nur eines wird ihr bestimmt ein Leben lang ein Rätsel bleiben – weshalb vor vielen Jahren einmal Erwachsene ernsthaft überlegt haben – ob es gute Idee ist, dass sie überhaupt geboren wird.